1. Gesang von der Rampe

Interpretation des Kapitels „Gesang von der Rampe“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Ophélie L. und Leo S.


Neugeborener Tod
 
Wir hatten das Zeitgefühl komplett verloren, es schien als wären wir seit Jahren in diesem kleinen, stickigen Waggon.
Ich hörte nur das abgeschwächte Husten meiner Freunde und Familie, die irgendwo in diesem dunklen Raum zu hocken schienen, dicht bei mir und doch Meilen entfernt, wie erstickender Rauch, der sich um mich hüllte und mich zu ersticken drohte.
Es stank nach Verwesung und Tod, wir hatten Angst und wussten nicht, was mit uns geschehen würde.
Plötzlich hielt der Zug an, wir warteten gespannt darauf, was jetzt wohl passieren würde.
Die Tür wurde auf einmal aufgerissen, mit einem so gewaltigen Krach, dass ich fürchtete, dass dieser durch die Erschütterung meine Knochen brechen würde.
Endlich spürte ich wieder das Sonnenlicht und die kühle, frische Luft auf meiner Haut, die sich mit der miefenden Luft im Waggon vermischte und sie etwas ertragbarer machte.
Ich hatte sogar kurz Hoffnung, dachte, das Schlimmste wäre überstanden.
Denn was wäre schlimmer als so eine grässliche Zugfahrt?
Die Antwort wartete auf uns, draußen.
Wohlgenährte, deutsche Militärmänner schrien uns aus heiterem Himmel an und schubsten uns herum. Wir sollten endlich raus.
Ich fühlte mich wie Vieh, das zum Schlachthaus geführt wurde.
Als ich endlich meine Beine bewegen konnte, spürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz, der durch meinen ganzen Körper zuckte.
Ich schrie auf und krallte mich in die Person neben mir, in irgendetwas, schreiend und um Hilfe bettelnd.
Meine Hände krallten sich direkt in mein Kleid, in meinen dünnen Stoff, der meinen runden Bauch verdeckte.
Die Menschen vor mir sprangen aus dem Waggon, 2 Meter waren es, bis man mit den Füßen auf die spitzen Steine und die Erde gelangte.
Ich schrie, ich konnte das nicht, jemand möge mir doch bitte mit diesen fürchterlichen Schmerzen helfen!
Und als der Rumms des Sprunges meinen ganzen Körper durchzuckte, lag vor mir auf dem Boden ein kleines, schmutziges Etwas.
Ich kann mich immer noch daran erinnern.
An die genauen Bilder.
Es war ein Junge.
Er hatte die Augen noch geschlossen und schrie und japste leise nach Luft.
Ich hob ihn samt Blutkleid hoch in meine Arme und betrachtete erschöpft sein kleines Gesicht, strich ihm die Erde und den Staub vom zerbrechlichen Körper.
Obwohl er so klein war, erkannte ich meinen Ehemann in ihm, der irgendwo in einem anderen Waggon steckte.
Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, wo er war, und es beunruhigte mich.
Ein Mann in Uniform kam zu mir, er reichte mir ein dreckiges Tuch, in das ich mein Kind wickeln konnte.
Doch ehe ich das machen konnte, kam ein größerer Mann auf uns beide zu.
Er hatte einen Stock in der Hand, und das nächste, an das ich mich erinnern kann, ist der gleißende Schmerz dieses Stockes, der immer wieder auf mich niederbrannte, begleitet von fürchterlichem Geschrei und Beleidigungen.
Er schlug weiter, bis ich auf dem Boden lag, meine schreiende, neugeborene Zukunft aber hielt ich fest und versuchte sie zu schützen.
Sie wurde mir jedoch aus den Armen gerissen.
Ich begriff gar nicht, was passierte, doch als ich mich endlich wieder aufzublicken traute, war mein Kind weg.
Ich schrie seinen Namen und suchte es verzweifelt, da sah ich, wie es vor dem Zug auf den Schienen lag.
Das kleine Köpfchen war verdreht, die schmutzige Decke hatte sich wie ein Leichentuch über seinen Körper gelegt.
Es war tot.

Bilderserie „Arbeit MACHT frei“



1. Gesang von der Rampe

Interpretation des Kapitels „Gesang von der Rampe“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Chiara B., Nina J. und Marie S.

Brief an einen Unbekannten

Sehr geehrter Unbekannte,

ich kenne dich nicht, ich weiß auch nicht ob du meine Sprache sprichst oder ob dich das überhaupt interessiert, jedoch schreibe ich dir diesen Brief, in der Hoffnung, dass er dich irgendwann erreicht und dass du meine Geschichte weitererzählst. Ich glaube nämlich nicht, dass ich diese Hölle überlebe.
Mein Name ist Magda Guttmann, ich bin 25 Jahre alt und befinde mich zurzeit in Auschwitz. Ich wurde am 5. Mai 1944 mit meinen Eltern festgenommen und von Vásárhely nach Tîrgu Mures (in Ungarn) ins Ghetto gebracht. Dort traf ich meinen Bruder, seine Ehefrau und seine beiden Kinder wieder, jedoch blieben wir nicht sehr lange an diesem Ort. Nach drei Wochen am 1. Juni, wurden wir alle in einen Waggon gesteckt und nach Auschwitz gebracht.

Die Fahrt war beschwerlich und lang, ich kann nicht sagen wie viele Stunden wir in diesem Zug saßen, aber mindestens einen Tag. Wir befanden uns zu achtzig in einem ganz kleinen Waggon und wussten alle nicht, wohin es ging. Jedoch befürchteten wir das Schlimmste, ich hatte ein sehr ungutes Gefühl. Die ganze Zeit war es dunkel und es stank. Ich werde diesen Geruch niemals mehr vergessen, es war eine Mischung aus Schweiß, Erbrochen, Urin und Kot.
Irgendwann kam der Zug zum Stehen, die Waggontüren wurden aufgerissen und jeder musste aussteigen. Es fühlte sich an wie eine Befreiung, endlich frische Luft, mir ging es besser. Doch dieses Gefühl von Glück verschwand ebenso schnell wie es kam. Denn, als ich mich kurz umdrehte und in den Waggon reinschaute, bemerkte ich die Toten. Manche Menschen hatten diese Fahrt nicht überlebt und andere waren so schwach, dass sie nicht mehr selbst aussteigen konnten. Ich wusste nicht so recht was machen. Sollte ich ihnen helfen? Sollte ich um sie trauern? Was sollte ich machen? Eine riesige Wut ergriff mich. Doch, diese schwindet auch sehr schnell.

Nun befinde ich mich schon seit vier Tagen in Auschwitz und fühle mich elend. Ich bin müde. Ich weiß nicht wo Mama ist, wie es ihr geht, das gleiche gilt für meine Nichte und meine Schwägerin. Meinen Bruder und meinen Vater habe ich seit dem Ausstieg nicht mehr gesehen.
Als wir an der Rampe ausstiegen, wurden die Männer auf eine Seite geschickt und die Frauen auf die andere, wir wurden in Fünfer – Reihen aufgestellt und dann gingen wir an mehreren Offizieren vorbei. Ich hörte schreie, ich hörte schniefen und sah wie manche mit dem Stock geschlagen wurden. Meine Schwägerin war sehr schwach, sie trug das kleinste Kind, ich hielt das älteste Kind bei der Hand. Ein Mann in gestreiftem Anzug hielt mich an und fragte mich ob es mein Kind sei, ich verneinte und er riet mir es der Mutter wiederzugeben. Ich verstand nicht wirklich den Grund dafür, aber vertraute ihm und tat was er mir gesagt hatte. Ich ging davon aus, dass Mütter Vorteile haben.

Ein Offizier schickte mich nach rechts und die anderen vier nach links, als ich ihn fragte wieso, dass so sei, antwortete er mir sehr nett, dass die anderen baden gehen. Der Offizier schrie und sagte: „Das Lager ist weit, alle die krank und schwach sind können das Auto nehmen.“ Dies stimmte aber nicht, denn wir gingen nur ein paar Minuten. Bevor wir losgingen wurden die mit Beschwerden auf eine Seite gestellt und die anderen auf die andere Seite. Aber dieser ach so nette Herr, hatte uns alle angelogen. Ich erfuhr
nämlich eine Stunde später, dass alle die, die nach links gehen mussten und die Beschwerden hatten, vergast wurden.
Da verstand ich, dass dieser ganze Rauch, nicht von sogenannten Bäckereien stammte, sondern von Menschen, die verbrannt wurden. Mein Herz wurde zu Stein, meine Familie befand sich nun da drin, ich weiß jetzt, dass es keinen Ausweg gibt, das Einzige was nun gilt, ist solange wie möglich durchzuhalten.

Ich wurde zum C-Lager gebracht und nun befinde ich mich noch immer dort. Es gibt nur zwei Möglichkeiten für mich, entweder ich sterbe jetzt in den nächsten Tagen, dann war dies mein erster und letzter Brief an dich oder ich werde zu einer Zahl… Nummer A-11.937.

Nur Nummern, keine Menschen