11. Gesang von den Feueröfen

Interpretation des Kapitels „Gesang von den Feueröfen“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Yoan A., Tim L. und Magnus Q.

Tim L.
Titellos

Trügende Schrift endet Geschicke,
Während Massen ersticken in Not,
Und mit verkrampftem, leerem Blicke
Erwartet sie der schleichende Tod.
 
Hinter dunklen Masken, von Wahn geprägt,
Versinkt die Menschlichkeit im Abgrunde.
Banal scheint Bosheit in dieser Stunde,
Wenn ein Leben sich selbst zu Grabe trägt.
 
Und namenlose Leichenträger klagen,
Als schamlose Totschläger morden mit Fleiß.
Doch des Teufels Helfer sind die Folgsamen,
Denn das Gold wiegt weitaus schwerer als sein Preis.
 
Mit Gehorsam will die Bestie Dreck abwaschen,
Doch sah niemand mehr als nur Sterne und Nummern?
Der Mensch wird zum Tier, das Tier trägt den Kummer.
Schneller wird der Todestanz auf heißer Asche.
 
Das Schnaufen, das Schaufeln, das Verdammen, zusammen
Bringt zumindest ihresgleichen sachte Erlösung.
Ein letzter Blick, bevor Hoffnung aufgeht in Flammen.
Sanft steigt süßer Rauch empor in die Morgenröte.
 
Am Ende erhebt sich jedoch, mit dem Mute der Leere
Ein Kampf gegen das perfekte System der Gewehre.
Sterne glänzen ein letztes Mal, ewig müde des Plünderns.
Schüsse. Ein Knall. Die Flammen schweigen, doch auch die Münder.
 
Kaum später, rauchende Schlote zehren wieder am Leben,
Beginnen Verehrer der Blitze erneut zu regieren,
Einzig allein Blindheit verehrend, im Gleichschritt marschierend,
Mit gestrecktem Arme ins Verderben.


Magnus Q.
Ohne Titel

Ich und Du
Ein Stück von mir in dir und von dir in mir?
Ich klein du groß, Ich schmächtig du stark.
Ich Parasit, Jude, schwul oder Tier ein Wir?
Ich im Schein gebrochen, du stolz bis ins Mark.
 
So stehen wir am Ort des Grauens für heute für morgen für immer.
 
Die Sonne strahlt gnadenlos dir in die Augen und blendet dich.
Die Feueröfen in der Ferne verdecken meinen Schatten und mein Gesicht.
Komm lass uns uns verbinden Ich möchte dir sagen ich liebe dich.
Komm tanz mit mir ich bin Feuer und Flamme und du die Gischt, die mich erlischt.
 
So stehen wir am Ort des Grauens für heute für morgen für immer.
 
Komm schreck nicht zurück. Ich flüstere dir den Kaddish ins Ohr
Schau her, nun sieh schon hin wo Ich zu Tode fror
Und dort drüben schüttest du mich ins Moor.
 
So stehen wir am Ort des Grauens für heute für morgen
 
Komm spürst du die Wunde hier und dort.
Hier geschah es, an diesem Ort.
Der schreckliche Fluch für immer fort.
Doch in Frankfurt kein Wort von Mord.
 
So stehen wir am Ort des Grauens für heute für morgen
 
Schmerz: Gräbst tiefer in mein Fleisch hinein. Doch Halt. Mein Herzblut
Für dich unantastbares Gut.
Trauer: Willst fliehen vor meiner Tränenflut.
Wut: Doch in der Geschichte bin ich das Fleischtribut
Vergeben: Meine Hinterlassenschaft die Aschenglut
 
So stehen wir am Ort des Grauens für heute
 
Schau dich um keiner deiner Marionetten mehr vor Ort.
Höre, keiner glaubt mehr deinem Wort.
Nun, dein einster Stolz, alles fort.
Dein erbärmliches Antlitz, wie wäre es mal mit Sport?
 
So stehen wir am Ort des Grauen für heute
 
Mit vollem Stolz zeig ich dir heute meinen Rücken.
Ich lernte es endlich richtig auszudrücken.
Auf der ganzen Welt baute ich starke Brücken.
In der Hoffnung, dass bald jüngere die Früchte pflücken.

So stehen wir am Ort des Grauens für heute für morgen nimmer.

„Inferno“

10. Gesang vom Zyklon B

Interpretation des Kapitels „Gesang vom Zyklon B“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Michel K., Philippe S. und Nicolas W.

Zyklon B

Im Keller, in Kisten verpackt,
30 Büchsen in eine gepackt.
Bester Kaffee der Firma Degesch,
das weiß hier jeder Mensch.
 
Der bläulich-weiße Zyanwasserstoff,
hinter Pappdeckeln mit Totenkopf.
 
In der besten Epoche,
14-20 Kisten die Woche,
1 Kilo, 5 Reichsmark,
der Preis ist stark.
 
Körnige, zerbröckelnde Masse,
für die tobende Unterrasse.
 
Nackt sind sie bald
doch geschwind wird ihnen kalt
das Gas wird eingeworfen
und schon beginnt das Morden.
 
Das Blausäuregas kommt durch die Luft,
ein nicht wahrnehmbarer Duft.
 
Kein Schädling dieser Welt,
der die Luft lange genug anhält.
Atmen sie ein das Gas,
sind sie nur noch Flammenfraß.
 
Hinterfragt wird es nicht,
hier macht jeder seine Pflicht.
Reue hat hier keiner,
Reue hatte noch nie einer?
 
Für 2000 reichen 16 Büchsen aus
nach 24 Stunden ist alles raus
der Strom hört nie auf
Hier endet ihr Lebenslauf.
 
Sterben werden sie alle,
Zyklon B, das ist ihre Todesfalle.

9. Gesang vom Bunkerblock

Interpretation des Kapitels „Gesang vom Bunkerblock“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Lejla B., Laura E. und Zina Z.

An Bruno Schlage

Adresse: Schinden        Datum: 14.01.1962


Sehr geehrter Herr Bruno Schlage,
 
Ich mag mit Ihnen reden über
Die Bestie am Ende des Kellergangs im Block elf,
Dessen Folter und seine Besucher.
Du warst den Gefangenen kein Behelf.
 
Bei der Essensausgabe angestellt zwei Mal,
Deswegen wurde ich bestraft.
Für meine Verhältnisse war es zu schmal
Ich fühlte mich nicht mal mehr versklavt.
 
Meine Tür nur ein halber Meter
Zwei bis drei Tage was zu Essen,
Ich hatte nicht Mal ein Fenster,
Es wurden noch drei hinzugesessen.
 
Die Luft fehlte mir,
Vier Zentimeter großes Luftloch.
Man behandelte mich wie ein Tier,
Es war schon Mittwoch.
 
Diese verdammte Stehzelle,
Ich sackte nieder.
Meine Mitgenossen rückten mir auf die Pelle,
Doch Kurt Padiala hatte es übler.

Kurt war in der Zelle nebenan,
Am vierzehnten Januar Neunzehnhundertdreiundvierzig,
Verstarb er dann.
 
Sein Geschrei war eine Qual
Er überlebte nur fünfzehn Tage,
Aß seine Schuhe, hatte keine Wahl.
Von uns allen war er in der schlimmsten Lage.
 
Bruno, mein Feind, mein Freund
Schlage über Graf.
Später du seine Leiche räumst,
Mein Bruno wurde mehr als genug bestraft.
 
Deinem Namensträger zugebrüllt
„Du kannst verrecken“
Dann hat dein Wunsch sich erfüllt
Du hättest in seinem Körper können stecken.
 
Du seist jetzt Hausmeister habe ich gehört,
Vollübst deine Arbeit wie wenn nie was gewesen sei.
Ich bin nicht der Einzige den das stört.
Bis gleich auf den Frankfurter Prozessen,

Freundliche Grüße.

„Block 11“
„Muselmann“

5. Gesang vom Ende der Lili Tofler

Interpretation des Kapitels „Gesang vom Ende der Lili Tofler“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Louis B., Nathan G. und Jason W.

Einzelschicksale

Lieber Maximilian-Yonathan

Ich schreibe dir gerade aus Amerika. Ich hoffe, du liest diesen Brief und es geht dir so gut wie es die Umastände ermöglichen.
Mama und ich sind in Sicherheit, aber sie kann nicht aufhören zu weinen, weil ihr kleiner Maximilian nicht bei ihr ist. Ich weiß nicht genau, wo Papa ist. Sie haben uns gesagt, Papa bekommt eine Arbeit im Stahlwerk. Wir haben seitdem nichts mehr von ihm gehört. Mama arbeitet als Verkäuferin in einem kleinen Laden wo man uns gut behandelt.
Wir freuen uns aber, dir mitteilen zu können, dass die Russen die Deutschen langsam zurück nach Berlin schlagen. Man spricht davon, dass schon bald die Befreiung von Auschwitz voran steht. Ich mache mir Sorgen um dich. Sei vorsichtig, es gibt Gerüchte, dass die Deutschen eure endgültige Vernichtung planen, bevor es zu spät ist. Halt dich bloß von den Duschen fern. Tante Jovana wurde angeblich zur „Desinfektion“ in eine Dusche gesteckt und kam nie wieder zurück. Sobald du in eine große Kammer gesteckt wirst, lauf so schnell du kannst.
Ich verstehe nicht, wie so etwas Schlimmes meinem kleinen Bruder widerfahren kann. Das Leben ist doch das wertvollste Gut dieser Welt, das Gott uns zum Geschenk machte.
Gib die Hoffnung nicht auf.

Dein großer Bruder

„Ein Mädchen“
„Arbeit macht tot“

6. Gesang vom Unterscharführer Stark

Interpretation des Kapitels „Gesang vom Unterscharführer Stark“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Joanna G. W., Ophélie N. und Imani W.


Die Heimkehr


Schweigende Augen
Schwere Herzen
Von Maat gerichtet
Der Verlust dieses Gefühls
Gerechtigkeit
Tarnt nun das Grauen nicht
Und wird zur Last
 
Unter ihnen Er
Federleicht
Oder so es scheint
Gut erzogen, alles richtig gemacht
Kein Anlass zum Verdacht
Was haben sie gelacht!
Junge Seele und doch verdorben
Die Wut ist ihm zum Verhängnis geworden
 
In Schwarz-Weiß
Wurde ihm die Welt gemalt
Der Vater so kalt
Wie kaltblütig er selbst
Maschinen der alten Schule
Menschen ohne Reue
Gewaschen und geschliffen
Gemeint ist nicht die Gestalt
Denken mussten sie nicht
Doch wer übernimmt nun diese Pflicht?
 
Sie sahen auf zu Gott
Die Sterne vernebelten ihnen die Sicht
Eigentlich waren sie blind vor Hass
Blut und Boden
So soll es heißen
Mitleid ist Schwäche
Sie wollten doch die Welt verbessern
 
Verlegt oder überstellt
Glück im Unglück
Entscheidung eines Mannes
Das Schicksal Tausender
Er sah zu wie sie weinten
Weinten weil es kein Ende nahm
Und sie doch nur das Ende sahen
 
Einzelne dunkle Seelen
Der Schwächsten Peiniger
Vereint unter dem Sinnbild des Kreuzes
Damals schon verfolgt von derselben Last
David gegen Goliath
 
Das Blatt hat sich gewendet
Verschwendete Zeit
Dem Führer nach ins Verderben
Die Totenköpfe in der Hand der toten Köpfe
Sie werfen ihn ins Fegefeuer
So wie er sie
Selbst die Starken müssen vors Totengericht
Denn am Ende kämpft jeder für sich allein

„Totenköpfe in der Hand der toten Köpfe“
In Uniform
Einwilligungsbrief
Mitleid ist Schwäche
Aufsatz
Reitturnier
Familienfoto

7. Gesang von der Schwarzen Wand

Interpretation des Kapitels „Gesang von der Schwarzen Wand“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Colin B., Louis E. und Arthur R.


I

3 Meter, 4 Meter
Aus Menschenhand geschaffen
Die Nacht

Block 11 hin zum Tor
Erkennbar bei Tageslicht
Erreichbar nach Schicksal

Immer die zwei gleichen
Verabredung
Unsichtbarer Stoff
Unsichtbare Ehre

Die Sonne geht unter
Roter Regen
Frau Kind Unschuldig
Dem Erdboden gleich gemacht

Ein Urteil ohne Verständnis
20 000
 


II

Ein Privathof
Ein Privatschauspiel
Ein Privatdienst, offiziell
Ein Privatspaß

Verleugnet
 

Innere verweste Hüllen
Kinder Frauen Männer Behinderte
Einfach alle
Wandernde verlorene Tote
Kein Platz für Trauer
Kein Platz für Hass
Nur Platz für Leere

Verleugnet
 

Diskretes Auftreten
Kleider Ehre und Leben abgelegt
Nackter Todesmarsch
Einer mehrere oder alle abgehakt
Sie sollen den Todeseingang salutieren
Sie sollten still bleiben
Nichts

Verleugnet
 

Manchmal knallhart
Hasserfüllte Ladungen
Schreie Keuchen Verzweiflung
Rote Brunnen von allen Seiten
Kann nicht genug haben
Immer mehr
Immer mehr

Verleugnet
 

Manchmal knallweich
Ein kleiner Endspaziergang
Hand in Hand
Rote Puppe und Nachtengel
Abgedrückt

Verleugnet

Abschleppkommando eilt herbei
Systematische Aufladung
Entehrende Aufladung
Es wurde hingeschmissen
Es sollte ausbluten

Alles verleugnet

III

Taktische Abschlachtung
Zuerst der Halt
Dann mehrere Stiche ins junge Herz
Dann die mütterliche Fürsorge

Qual voller Stille
Qual wird abgewaschen
Qual wird in den Boden vertieft
Qual wird zum „Es war nie”

Das Ich wurde ihnen entnommen
Die Seele durch die Schlächter
Das Fleisch und Blut durch die weißen Kittel
Hauptsächlich Außerordentliches
Hauptsächlich Weibliches
70 Volksblumen ohne Leben
Kein Leben
Keine Art

Viele Tote wenig Masse
Ein Totenvolk
Ein Totensummen

Nachtengel

3. Gesang von der Schaukel

Interpretation des Kapitels „Gesang von der Schaukel“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Vincent C., Mehdi S. und Xavier W.


Natürliche Umgebung

Schnell soll man es drehen,
Und wirft es verwirrt seinen Blick zurück
Auf schwarze Weiden.
Der Ara wiederholt laut und klar
Den Ruf des Löwen.
Er sieht es.
Er liebt es.
Das Blut,
Die Qualen,
Die Schreie.
Hoch hinaus
Zum Rest der Herde.

„Papageienschaukel“

2. Gesang vom Lager

Interpretation des Kapitels „Gesang vom Lager“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Chiara B., Nina J. und Marie S.

Kreisel

Aus Leben wird Asche,
aus Asche Vergessenheit.
Einst war der Weg das Ziel.
Nun ist das Ziel das Ende.
Wer führt, sieht rot,
wer floh, sah schwarz.
Der gehobene Arm,
das Zeichen gefallener Köpfe.
Die Rampe führt herab,
herab; die einzige Richtung.
Hoffnung wird tödlich,
leben zur Bedrohung.
Einzig der Rauch verbleibt,
versengte Luft, tränkt die schwarze Lunge.
Stummes Leiden übertönt das Zischen des Feuers.
Der Wind trägt die Erinnerung
versteckt in der ewigen Nacht.
Der Knochenmann holt die Seinen,
verdammt zum immerwährenden Schlaf.
Nur Erniedrigung wiegt schwer
auf verhungerten Leibern.
Namenlose Gesichter, Gräber in Massen,
verlorene Werte, gesenkte Häupter.
Zur falschen Zeit am falschen Ort,
zur falschen Zeit dem Falschen gefolgt.
Doch wer sah still zu?

 

Doch wer sah still zu?

Doch wer sah still zu?

1. Gesang von der Rampe

Interpretation des Kapitels „Gesang von der Rampe“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Chiara B., Nina J. und Marie S.

Brief an einen Unbekannten

Sehr geehrter Unbekannte,

ich kenne dich nicht, ich weiß auch nicht ob du meine Sprache sprichst oder ob dich das überhaupt interessiert, jedoch schreibe ich dir diesen Brief, in der Hoffnung, dass er dich irgendwann erreicht und dass du meine Geschichte weitererzählst. Ich glaube nämlich nicht, dass ich diese Hölle überlebe.
Mein Name ist Magda Guttmann, ich bin 25 Jahre alt und befinde mich zurzeit in Auschwitz. Ich wurde am 5. Mai 1944 mit meinen Eltern festgenommen und von Vásárhely nach Tîrgu Mures (in Ungarn) ins Ghetto gebracht. Dort traf ich meinen Bruder, seine Ehefrau und seine beiden Kinder wieder, jedoch blieben wir nicht sehr lange an diesem Ort. Nach drei Wochen am 1. Juni, wurden wir alle in einen Waggon gesteckt und nach Auschwitz gebracht.

Die Fahrt war beschwerlich und lang, ich kann nicht sagen wie viele Stunden wir in diesem Zug saßen, aber mindestens einen Tag. Wir befanden uns zu achtzig in einem ganz kleinen Waggon und wussten alle nicht, wohin es ging. Jedoch befürchteten wir das Schlimmste, ich hatte ein sehr ungutes Gefühl. Die ganze Zeit war es dunkel und es stank. Ich werde diesen Geruch niemals mehr vergessen, es war eine Mischung aus Schweiß, Erbrochen, Urin und Kot.
Irgendwann kam der Zug zum Stehen, die Waggontüren wurden aufgerissen und jeder musste aussteigen. Es fühlte sich an wie eine Befreiung, endlich frische Luft, mir ging es besser. Doch dieses Gefühl von Glück verschwand ebenso schnell wie es kam. Denn, als ich mich kurz umdrehte und in den Waggon reinschaute, bemerkte ich die Toten. Manche Menschen hatten diese Fahrt nicht überlebt und andere waren so schwach, dass sie nicht mehr selbst aussteigen konnten. Ich wusste nicht so recht was machen. Sollte ich ihnen helfen? Sollte ich um sie trauern? Was sollte ich machen? Eine riesige Wut ergriff mich. Doch, diese schwindet auch sehr schnell.

Nun befinde ich mich schon seit vier Tagen in Auschwitz und fühle mich elend. Ich bin müde. Ich weiß nicht wo Mama ist, wie es ihr geht, das gleiche gilt für meine Nichte und meine Schwägerin. Meinen Bruder und meinen Vater habe ich seit dem Ausstieg nicht mehr gesehen.
Als wir an der Rampe ausstiegen, wurden die Männer auf eine Seite geschickt und die Frauen auf die andere, wir wurden in Fünfer – Reihen aufgestellt und dann gingen wir an mehreren Offizieren vorbei. Ich hörte schreie, ich hörte schniefen und sah wie manche mit dem Stock geschlagen wurden. Meine Schwägerin war sehr schwach, sie trug das kleinste Kind, ich hielt das älteste Kind bei der Hand. Ein Mann in gestreiftem Anzug hielt mich an und fragte mich ob es mein Kind sei, ich verneinte und er riet mir es der Mutter wiederzugeben. Ich verstand nicht wirklich den Grund dafür, aber vertraute ihm und tat was er mir gesagt hatte. Ich ging davon aus, dass Mütter Vorteile haben.

Ein Offizier schickte mich nach rechts und die anderen vier nach links, als ich ihn fragte wieso, dass so sei, antwortete er mir sehr nett, dass die anderen baden gehen. Der Offizier schrie und sagte: „Das Lager ist weit, alle die krank und schwach sind können das Auto nehmen.“ Dies stimmte aber nicht, denn wir gingen nur ein paar Minuten. Bevor wir losgingen wurden die mit Beschwerden auf eine Seite gestellt und die anderen auf die andere Seite. Aber dieser ach so nette Herr, hatte uns alle angelogen. Ich erfuhr
nämlich eine Stunde später, dass alle die, die nach links gehen mussten und die Beschwerden hatten, vergast wurden.
Da verstand ich, dass dieser ganze Rauch, nicht von sogenannten Bäckereien stammte, sondern von Menschen, die verbrannt wurden. Mein Herz wurde zu Stein, meine Familie befand sich nun da drin, ich weiß jetzt, dass es keinen Ausweg gibt, das Einzige was nun gilt, ist solange wie möglich durchzuhalten.

Ich wurde zum C-Lager gebracht und nun befinde ich mich noch immer dort. Es gibt nur zwei Möglichkeiten für mich, entweder ich sterbe jetzt in den nächsten Tagen, dann war dies mein erster und letzter Brief an dich oder ich werde zu einer Zahl… Nummer A-11.937.

Nur Nummern, keine Menschen

8. Gesang vom Phenol

Interpretation des Kapitels „Gesang vom Phenol“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Vincent C., Mehdi S. und Xavier W.

Gedanken eines Häftlings


… Da kommt er wieder, drei Mann hinter ihm, gehobenes Kinn, herabsehender Blick. Er kommt wohl gerade wieder von einer Untersuchung und hat Lust weitere kranke Insassen auszusuchen. Sein krankhaftes Grinsen bereitet den meisten Häftlingen ein schreckliches Gefühl. Hier riecht es nach Urin, Kot und Schweiß. Auch ich kann nicht mehr gegen den Drang ankämpfen als der Arzt willkürlich einen Juden nach dem anderen auswählt und die Soldaten die Todesverurteilten ohne jeglichen Rückhalt zum Aufstehen zwingen. Als er endlich fertig ist, dreht er sich rasch um und zeigt noch mit dem Finger auf ein paar weitere Kranke, um die Gesamtzahl der Verurteilten aufzurunden, da er gerade Zahlen bevorzugt. Einer der Soldaten packt meinen Onkel am Arm. Ich klammere mich an sein Bein, woraufhin er meine Hand gegen den nassen klebrigen Boden schmettert und mir mit einem gezielten Fußstampfer das Handgelenk bricht. Ich weiß, dass gebrochene Knochen hier im Krankenbau ein sehr wahrscheinliches indirektes Todesurteil sind …



„Klehr liebte es, nach der Untersuchung der kranken Häftlinge durch den Lagerarzt weitere Häftlinge in den Krankensälen des Häftlingskrankenbaus für die Tötung durch Phenol auszusuchen, sowie der Lagerarzt das Lager verlassen hatte. Dabei ging er durch die Krankenblocks und wählte willkürlich jüdische Häftlinge aus […] [Er] hatte eine Vorliebe für gerade Zahlen. Er wollte die Zahl der durch den Lagerarzt zur Tötung ausgewählten Häftlinge ‚nach oben aufrunden‘.“


Zitat aus: Demant, Ebbo (Hg.): „Auschwitz. Direkt von der Rampe weg. Kaduk, Erber, Klehr: Drei Täter geben zu Protokoll“
Gnadenlos

4. Gesang von der Möglichkeit des Überlebens

Interpretation des Kapitels „Gesang von der Möglichkeit des Überlebens“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Colin B., Louis E. und Arthur R.

Tagebucheintrag eines Häftlings

Jakob fehlt!
Es wird schon bald dunkel und sein Platz ist immer noch leer.

Keinem scheint seine Abwesenheit aufzufallen, oder zumindest zeigen sie es nicht.
Alle tun als sei nichts geschehen.
Nicht einmal der Aufseher hat bei seinem Rundgang etwas gesagt.
Warum hat er die Gelegenheit nicht genutzt um uns anzupöbeln?
Ob er Bescheid weiß über Jakobs Verbleib?

Vielleicht ist er ja krank geworden und man hat ihn in den Kankenbau gebracht. Mit etwas Glück kommt er dort in die Obhut von Aaron und dem netten Arzt, dann wird ihm sicher geholfen. Es heißt dieser Arzt erlaube Aaron die kranken Häftlinge wie Menschen zu behandeln. Ein mutiger Mann, leider der einzige.
Jedenfalls bleibt nur zu hoffen, dass Jakob schnell wieder zu Kräften kommt und arbeitsfähig wird. Nutzlose Menschen werden hier nicht gebraucht.

Es sei denn….
Jakob ist zwar nicht der Stärkste, aber er hat andere Talente. In der Buchhaltung macht so schnell keiner ihm was vor. Vielleicht wird sein Können gerade jetzt benötigt und er ist zum Funktionshäftling “befördert“ worden.
Ja, das wünsche ich ihm, das würde seine Überlebenschancen ungemein steigern.
Oder besser noch, vielleicht ist ihm ja die Flucht gelungen, … ist er der Hölle entkommen.
Ob er sich heimlich abgesetzt hat? Ich kann es kaum glauben, Jakob, dieser kleine, unscheinbare Mann. Wer hätte das gedacht?


Aber nein, jetzt fange ich schon an zu phantasieren. Man hätte uns, seine Mitbewohner, doch sofort dafür zur Rechenschaft gezogen. Eine Flucht ist ein schlimmes Verbrechen, dafür müssen viele zahlen.
Teuer zahlen.
Mit dem Leben zahlen.

Sowas würden sich diese Monster doch niemals entgehen lassen. Nein.
Oder hatten sie etwa noch keine Zeit dazu?
Ob uns das noch bevorsteht?
Oh Gott, ich habe solche Angst. Fürchterliche Angst.
Ich will hier weg, raus, irgendwie …

Warum gibt es keine verlässliche Strategie diesem Wahnsinn zu entkommen? Warum gibt es keinen sicheren Ausweg? Wieso um Himmels Willen hilft uns denn keiner?
Unser Leben hängt hier an einem seidenen Faden, an den Launen der Aufseher, keiner weiß wie man sich verhalten soll. Was heute gut und richtig ist kann morgen dein Todesurteil bedeuten. Der Zufall entscheidet über unser Schicksal. Alles ist unberechenbar.

Wir drehen täglich am Glücksrad, Überleben ist der Hauptgewinn, aber früher oder später wird für jeden von uns das Rad an der falschen Stelle stehen bleiben.


Hoffentlich hat Jakob sich heute nicht verdreht.