4. Gesang von der Möglichkeit des Überlebens

Interpretation des Kapitels „Gesang von der Möglichkeit des Überlebens“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Bonnie B. und Lucie M.

Brief, gefunden nach der Befreiung des Lagers


Mein geliebter Paul,

In Erinnerung schreibe ich diesen letzten Brief an dich mit dem Wissen, dass du ihn höchstwahrscheinlich nie erhalten wirst. Ich kann die Geschehnisse nicht mehr verdrängen und will davon berichten.
Ich spüre, wie das Leben an mir vorbeirast, von Tag zu Tag werde ich schwächer. Die Arbeit fällt mir immer schwerer, wo doch sie mir wiederum das Leben einigermaßen erleichtert. Ich als Häftlingsärztin bin im Krankenbau von den extremen Wetterbedingungen geschützt. Ohne Arbeit ist man so gut wie tot.
Eine einzige Kluft ist alles, was wir besitzen, jegliche Identität wurde uns geraubt. Erinnerungen sind alles, was einem bleibt.

Du fehlst mir so sehr, Paul.

Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben, unser Schicksal liegt in den Händen des Zufalls es ist eine reine Glückssache. Ursprünglich wurde ich in die Gaskammer geschickt, doch die Öfen waren verstopft und man konnte unsere Vergasung nicht vornehmen. Es war reines Glück!

Täglich passieren grausame Dinge, unschuldige Menschen werden wie Tiere geschlachtet. Um zu überleben, muss man sein eigenes Leben über jenes der anderen setzen, nur der Stärkere überlebt. Ich selbst tue Dinge, die ich mir nie vergeben kann und mir den Schlaf rauben. Ich erkenne nun, dass Gut und Böse Gutenachtgeschichten sind, die man Kindern erzählt. 

Grausame Dinge werden mit Frauen durchgeführt und ich bin beteiligt: Einigen Menschen musste ich auch die letzte Spritze anlegen.

Ich schweige, Worte führen zum Tod.
Solidarisches verhalten ist unser Widerstand und gibt uns gleichzeitig den letzten Funken Hoffnung, dass die Gaskammern und Zufahrtstrecken bombardiert werden. 

Abschied nehmen fällt mir sehr schwer. Es ist einfacher der Wahrheit nicht ins Auge zu sehen.

Ich wünschte, ich könnte dich ein letztes Mal sehen, fühlen, hören.

Ein letztes Mal.

„Ein letztes Mal“


4. Gesang von der Möglichkeit des Überlebens

Interpretation des Kapitels „Gesang von der Möglichkeit des Überlebens“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Colin B., Louis E. und Arthur R.

Tagebucheintrag eines Häftlings

Jakob fehlt!
Es wird schon bald dunkel und sein Platz ist immer noch leer.

Keinem scheint seine Abwesenheit aufzufallen, oder zumindest zeigen sie es nicht.
Alle tun als sei nichts geschehen.
Nicht einmal der Aufseher hat bei seinem Rundgang etwas gesagt.
Warum hat er die Gelegenheit nicht genutzt um uns anzupöbeln?
Ob er Bescheid weiß über Jakobs Verbleib?

Vielleicht ist er ja krank geworden und man hat ihn in den Kankenbau gebracht. Mit etwas Glück kommt er dort in die Obhut von Aaron und dem netten Arzt, dann wird ihm sicher geholfen. Es heißt dieser Arzt erlaube Aaron die kranken Häftlinge wie Menschen zu behandeln. Ein mutiger Mann, leider der einzige.
Jedenfalls bleibt nur zu hoffen, dass Jakob schnell wieder zu Kräften kommt und arbeitsfähig wird. Nutzlose Menschen werden hier nicht gebraucht.

Es sei denn….
Jakob ist zwar nicht der Stärkste, aber er hat andere Talente. In der Buchhaltung macht so schnell keiner ihm was vor. Vielleicht wird sein Können gerade jetzt benötigt und er ist zum Funktionshäftling “befördert“ worden.
Ja, das wünsche ich ihm, das würde seine Überlebenschancen ungemein steigern.
Oder besser noch, vielleicht ist ihm ja die Flucht gelungen, … ist er der Hölle entkommen.
Ob er sich heimlich abgesetzt hat? Ich kann es kaum glauben, Jakob, dieser kleine, unscheinbare Mann. Wer hätte das gedacht?


Aber nein, jetzt fange ich schon an zu phantasieren. Man hätte uns, seine Mitbewohner, doch sofort dafür zur Rechenschaft gezogen. Eine Flucht ist ein schlimmes Verbrechen, dafür müssen viele zahlen.
Teuer zahlen.
Mit dem Leben zahlen.

Sowas würden sich diese Monster doch niemals entgehen lassen. Nein.
Oder hatten sie etwa noch keine Zeit dazu?
Ob uns das noch bevorsteht?
Oh Gott, ich habe solche Angst. Fürchterliche Angst.
Ich will hier weg, raus, irgendwie …

Warum gibt es keine verlässliche Strategie diesem Wahnsinn zu entkommen? Warum gibt es keinen sicheren Ausweg? Wieso um Himmels Willen hilft uns denn keiner?
Unser Leben hängt hier an einem seidenen Faden, an den Launen der Aufseher, keiner weiß wie man sich verhalten soll. Was heute gut und richtig ist kann morgen dein Todesurteil bedeuten. Der Zufall entscheidet über unser Schicksal. Alles ist unberechenbar.

Wir drehen täglich am Glücksrad, Überleben ist der Hauptgewinn, aber früher oder später wird für jeden von uns das Rad an der falschen Stelle stehen bleiben.


Hoffentlich hat Jakob sich heute nicht verdreht.